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Dieses Thema hat 8 Antworten
und wurde 194 mal aufgerufen
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 Anton
Anton Offline


Beiträge: 65

14.09.2008 13:24
Ritornelle antworten
Ritornelle

Wilder Rosmarin –
Ein Weibchen, das mir Kraut und Knödel kocht,
Sei auch in meinem Reich die Königin.

Erfrischender Waldmeister –
Erst wenn er welkt, beginnt er süß zu duften.
So werden Mächte, wenn sie altern, dreister.

Fliegenstängel, purpurrot –
Du täuschst mit deinen Blüten die Insekten.
So kommt, wer Narren glaubt, gleich aus dem Lot.

Adonisröschen, Teufelsauge –
Wenn ich aus deiner Schönheit staunend trinke,
Ich auch zugleich von deinen Giften sauge.

Vergissmeinnicht –
Du mahnst so oft an deinen süßen Namen,
Doch Wiedersehn zeigt gern ein Fremdgesicht.

Klatschmohn –
Dem Müßigen blühst du als zarte Zierde,
Dem Arbeitenden wächst du oft zum Hohn.

Goldenes Frauenhaar –
Du hältst uns fein an unsichtbaren Fäden,
Und eh wir`s spüren, sind wir siebzig Jahr.

Ackergoldstern –
Bei Schönheitskonkurrenzen wärst du vorn,
Doch Ackerblumen sind heut nicht modern.

Brillenschötchen –
Mensch, siehst du Steuern schlicht durch rosa Brillen,
Macht das Finanzamt Männchen und gibt Pfötchen.

Deutscher Ginster –
Wo Besen fliegen, sind auch hübsche Hexen.
Wo Steine fliegen, seh ein Land ich finster.

Weidenalant –
Ich weiß mit Namen nicht gleich jedes Schaf,
Doch Hammel sind mir alle gut bekannt.

Habichtskraut, so bitter –
Das Leben schickt nach einem bittren Leben
Als Zugabe gern einen bittren Schnitter.

Heilbatunge –
Modern Medizin heilt viele Übel,
Doch niemals eine schadenfrohe Zunge.




Stechender Zahn, schwarz und hohl –
Man sucht sich gern ein tolles Vorbild aus
Und wird enttäuscht, es ist nur ein Idol.

Wachtelweizen –
Genug Getreide reift auf unsrer Erde.
Und es gibt Hunger. Wer befiehlt das Geizen?

Brennende Nessel –
Aus jedem Gestern fließen viele Gifte,
Doch wer sie lobt, dem werden sie bald Fessel.

Wasserkresse –
Da redet mancher blank geputzte Worte,
Sein Denken aber wohnt in schwarzer Esse.

Ährentausendblatt –
In unsrem Land gilt ein Vertrag als gut,
Wenn er um tausend Paragrafen hat.

Schwanenblume, rosa und doldig –
Da schimpft doch einer ständig auf das Leben
Und schaut man hin, ist seins zumeist sehr goldig.

Glockenweide –
Es lieben dich die Bienen ganz vorzüglich,
Doch auch Poeten bist du beste Weide.

Sumpfiger Ziest –
Mir fällt zu Sumpf so manches Druckwerk ein,
Bestaune dann die Masse, die das liest.

Ampfer, groß und sauer –
Reist du im Urlaub rings um unsre Erde
Und liegst nur Liegestuhl, wirst du nicht schlauer.

Storchenschnabel, sehr weich –
Ein Staat, der Egoismus honoriert,
Wird kinderweich, doch niemals kinderreich.

Echter Dost –
Im Land, wo Milch und Honig billig fließt,
Wird Wohlstand in der Lotterie verlost.

Großer Baldrian –
Fängt einer an mit einem Modetand,
Beginnt bei vielen gleich der große Wahn.

Wasserpferdesaat –
Du bist so häufig wie Gesundheit ist,
Und bist so selten wie das Recht im Staat.

Europäischer Siebenstern –
Vereinigtes Europa macht viel Heu.
Heuropa mögen alle Ochsen gern.

Haarstrang aus dem Sumpf –
Was Gosse wird, war vorher oft von Nutz.
Was aus ihr kommt, bringt Übel und bleibt stumpf.

Weiße Waldrebe –
Ach, Jungsein, lass den Hang und Drang zur Trübnis,
Genieße dich als Knospe, blühe, lebe.

Roter Hartriegel –
Lässt sich ein Lämmchen nicht durch Seide pflegen,
So packe es und greife einen Striegel.

Rauschebeere –
Freund Alkohol bleibt freundlich in der Flasche,
Doch wird er frei, gibt sich der Feind die Ehre.

Grante –
Dich nennen Kenner meist die Preißelbeere.
Du passt zum Hirsch wie Geld zu meiner Tante.

Schwarzer Holunder –
Man sagt, an dir erhängte sich Herr Judas.
Heut schaffen Richter noch ganz andre Wunder.

Raukensenf –
Auf Politik gibt es so manchen Reim.
Auf deutschen Senf reimt Genf. Oh, armes Genf!

Rispenfinkensame –
Du heißt auch Ackernuss. So steckt auch häufig
Ein grauer Kern in einer schicken Dame.

Gelbes Sonnenröschen –
Ich schwärmte einst von dir vor meinem Mädchen.
Seit diesem Tag trägt es nur gelbe Höschen.

Kleiner Odermennig –
Ich seh dich stehn im Schutt, an Stolperwegen.
So mühsam kämpfe ich um jeden Pfennig.

Pastinak und Portulak –
Ihr seid Gemüse, herzhaft und gesund.,
Seid ihr nicht tüv – geprüft, seid ihr nur Pack.

Sichelluzerne –
Aus einer Sichel lässt ein Mond sich schaffen,
Aus Mädchenaugen machte Gott die Sterne.

Zottiger Klappertopf –
Dein Same klappert in den Kapseln laut.
So klappert manches Wort im hohlen Kopf.

Kleewürger –
Ja, du schmarotzt im Klee durch alle Sommer.
Es würgt die Steuer auch im Winter Bürger.

Sichelhasenohr –
Ach, armer Hase auf der Autobahn!
Dich rettet selbst kein Hasenohrenchor.

Echte Goldrute –
Erziehe Kinder nicht durch Geldes Regeln.
Du reißt aus ihnen gründlich alle Gute.

Kraut Rührmichnichtan –
So sagt die Firme, wenn sie dich entlässt,
Weil sie halt Frau mit Kind nicht brauchen kann.

Blümchen Immergrün –
Man reißt vom Guten nicht die Wurzeln aus.
Was sich bewährt hat, muss für immer blühn.

Wolfseisenhut –
Bist du empfindlich vor Kritik und Wort,
So schützt Gelassenheit den Schädel gut.

Sommerlinde, Winterlinde –
Die Zeitung druckt Reklame, nicht Poeten.
Sie zählen halt im Staat nur zum Gesinde.

Wegmalve –
In den Behörden hockt kein Wegesucher,
Drum steht vor ihren Türen niemals: Salve!

Kornrade –
Man reinigte dich aus Getreidesaaten.
Zu diesem Sauberwahne sag ich: Schade!

Filzklette –
Lass blühn und fruchten durch das Jahr die Seele,
So heilst du Menschen schon durch deinen Segen.

Kurt May
Camaela

04.11.2008 15:34
#2 RE: Ritornelle antworten

wow...was für ein Gedicht dieses Gedicht

und dann noch so passend zu einer Gartenlaube

auch wenn du mich zwangst zu Geduld
beim Lesen dieser Zeilen
bist du nicht daran Schuld
dass ich hier möcht verweilen

Anton Offline


Beiträge: 65

04.11.2008 17:35
#3 RE: Ritornelle antworten

Danke, Camaela! Verflixt, der letzte Vers ist misslungen. Die erste und letzte Zeile eines Ritornells müssen reimen. Und sie reinem nicht. Da hatte ich wohl ein Bier zu viel...genossen.

Anton

Camaela

04.11.2008 18:24
#4 RE: Ritornelle antworten

ich kenne mich leider mit den verschiedenen Dichtformen nicht aus
deswegen ist es mir gar nicht aufgefallen, denn es hat sich
trotzdem gut gelesen
Aber den Bierkonsum solltest du überdenken

monimohn Offline


Beiträge: 510


04.11.2008 19:50
#5 RE: Ritornelle antworten

anton...echt...ein ehrliches wow...

erstens zu der form....(ich musst erst googeln, was ein ritornelle ist)

zweitens zu dem inhalt...

es ist ein werk, dass man fast einrahmen könnte, da ich mir echt nicht alles merken kann...

es ist ein schmuckstück in diesem forum

bravo!!!!

......................................


http://monikawilhelm.de.to

http://www.repage4.de/member/monikawilhelm

Bernd Rosarius Offline

Administrator
Beiträge: 1.679


04.11.2008 21:13
#6 RE: Ritornelle antworten

Ein interessantes Werk
Das eine bier zuviel...ist nicht schlimm


http://www.repage7.de/member/berndrosarius
Das höchste Gut ist die Harmonie der Seele
mit sich selbst

SENECA

Schreibfederchen

05.11.2008 11:12
#7 RE: Ritornelle antworten

Hallo Anton,
das ist ein ganz unbeschreiblich tolles Werk
wow, so etwas habe ich noch nie gelesen.

Danke dafür
sagt Celine

Anette Offline


Beiträge: 568


06.11.2008 13:38
#8 RE: Ritornelle antworten

Ausdauer muss man schon haben um so ein grandioses werk a) zu schreiben, b) zu lesen

Die Hälfte der aufgezählten Schönheiten kenn ich gar nicht...L.G.Anette

~~Ae~~

literat Offline


Beiträge: 26


26.01.2009 20:18
#9 RE: Ritornelle antworten

Hallo Anton,
lang - gut - schön zu lesen.



literat

~ Werner Leder Autor ~
schreibt spirituelle & weltliche Texte.

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