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Dieses Thema hat 7 Antworten
und wurde 78 mal aufgerufen
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 Sven
SvenSp Offline


Beiträge: 95


02.09.2010 21:42
Jede Nacht antworten

Ich sehe dein Gesicht,
sehe dein Lächeln,
die Güte in deinem Blick
und ich weiß,
du wirst mich verlassen.

Du gehst dorthin,
wohin ich dir nicht folgen kann.
Jede Nacht.
Ich weiß es,
du weißt es.
Du wirst sterben.

Jede Nacht
lässt du mich zurück.
Alleine.
Leer.
So leer, dass es schmerzt.
Unerträglich.
Jede Nacht.

In manchen Nächten
muss ich dich suchen,
in riesigen Kliniken,
weiß,
steril.
Die Doktoren,
die Schwestern,
sie kennen dich nicht.

Aber ich weiß,
du bist dort,
irgendwo.
Dort wartest du,
stirbst du,
und ich finde dich nicht.


Manchmal
bin ich zu hause,
warte auf dich,
aber du kommst nicht.
Und ich weiß plötzlich:
Du bist tot!
Ohne, dass ich dich noch einmal,
ein letztes Mal
sehen konnte,
bist du gegangen.

Jede Nacht
spüre ich dich.
Jede Nacht
stirbst du.
Und ich bin
hilflos,
machtlos.
Jede Nacht.
Jede!
Nacht!



Sven Später, 2007


Anmerkung:

Dieses Gedicht schrieb ich etwa ein Jahr, nachdem meine Mutter gestorben war und ich sie bis zum Ende begleitet hatte. Seither und man kann sagen, bis vor etwa einem halben Jahr, habe ich jede Nacht solche Träume gehabt. Unterschiedliche Themen und Schauplätze, aber im Endeffekt ging es immer darum, dass sie entweder starb, im sterben lag oder tot war und ich sie suchte. Einige Male träumte ich sogar von ihr als Geist, der mit mir spricht und mich trösten möchte.
Im Gegensatz zu den meisten anderen Gedichten aus meiner Feder, findet sich in diesen Zeilen kein Reim. So bleibt eine gewisse Angst, Zerrissenheit und Trauer erhalten, die meine Gefühle auszudrücken vermochten.
Ein trauriges Stück, aber für mich eines der wichtigsten Gedichte.



"Wir sind längst im Paradies, haben die Hölle draus gemacht."
(ASP - Ich bin ein wahrer Satan)

Edeltrud Offline


Beiträge: 1.264


03.09.2010 10:54
#2 RE: Jede Nacht antworten

Lieber Sven,
ein Gedicht voller Wehmut, und anrührend zugleich.
Dieses Suchen nach dem Verlassen werden/sich verlassen fühlen durch den Tod eines nahestehenden Menschen beunruhigt das Innerlich lange Zeit, ist schmerzlich. Man fühlt sich machtlos, ohnmächtig. Bis man bemerkt, dass diese Träume, und die immer wiederkehrenden Gedanken, ein Teil des Loslassens sind. Das Erspüren des Verstorbenen wandelt sich in Tröstliches um.
Man weiß er ist (schützend) da, wird immer da sein....im Herzen. Erst nach diesem Erkennen, findet man Ruhe, ebenso die Seele des Verstorbenen. Die Erinnerung bleibt, und ist, für mich persönlich, eine Form der Begegnung....einer Begegnung, die Kraft spendet und zugleich glücklich macht, dass man diesen Menschen an seiner Seite weiß und wußte.





~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~


Poesie ist ein Atemzug, der alle Tränen trocknet.
Poesie ist der Geist, der in der Seele wohnt,
der vom Herzen genährt wird
und dessen Wein die Zuneigung ist.


*Khalil Gibran*

Walter Offline


Beiträge: 313


04.09.2010 16:37
#3 RE: Jede Nacht antworten

Hallo lieber Sven,
vielen Dank für das Bereitstellen deines Gedichts.
Habe dir ein paar elektronische Zeilen gesendet. Vielleicht ist einiges davon interessant.

Viele herzliche Grüße aus der Provinz Lippe sendet

Walter



Ich habe eiserne Grundsätze - Wenn Sie Ihnen nicht gefallen - ich habe auch andere (Groucho Marx)

SvenSp Offline


Beiträge: 95


04.09.2010 23:15
#4 RE: Jede Nacht antworten

Vielen lieben Dank.

Zuerst zu Walter: Ja, dankeschön, ich habe deine Mail gelesen, bevor ich den Kommentar hier las und habe dir auch kurz darauf geantwortet. Jetzt bin ich doch schon etwas länger hier als ich beabsichtigt hatte. Wie aber schon erwähnt, möchte ich deine Mail mit Ruhe und in besinnlichen Stunden lesen, damit ich auch ordentlich antworten kann. Auf alle Fälle hat es mich gefreut :)

Und nun auch dir herzlichen Dank, Edeltrud. Ich stimme dir da wirklich zu. Mittlerweile ist es sogar so, dass ich solche Träume etwas vermisse, da sie nur noch selten kommen. Sie sind auch längst nicht mehr so schlimm. Der Tod ist noch immer unausweichlich, aber in den Träumen wird Zeit geschenkt, die ich dann mit ihr für schöne Dinge nutze. Kurze Reisen in die Kinderzeit und solche Sachen.
Auch ihre Anwesenheit weiß ich ja schon um mich herum, wusste ich auch immer. Für mich ist sie nun eins mit jedem Baum, den ich berühren kann, mit jedem Grashalm, jeder Blume, mit jedem Tropfen Wasser und sogar mit dem Erdreich, in das ich meine Hand tauchen kann. Sie ist nun überall und mit allen anderen vereint, ob Mensch, Tier oder Pflanze. Ihre Seele ist unsterblich, das weiß ich. Vielleicht sieht sie die von mir so geliebten Sterne nun aus nächster Nähe, kann dort sein, wohin es uns alle eines Tages verschlägt. Das ist es, was mir Kraft geschenkt hat. Und wenn ich an sie denke - oder auch an meine leibliche Mutter, die starb als ich ein Jahr alt war, oder an meine Urgroßmutter, die mich mit aufgezogen hat - und gerade dann fährt ein sanfter Windhauch durch die Blätter eines Baumes, weiß ich, dass ich gehört wurde. :)

Viele liebe Grüße

Sven



"Wir sind längst im Paradies, haben die Hölle draus gemacht."
(ASP - Ich bin ein wahrer Satan)

Edeltrud Offline


Beiträge: 1.264


04.09.2010 23:24
#5 RE: Jede Nacht antworten

Lieber Sven,

eine sehr schöne Antwort hast du hier gegeben, mit Empfindungen die ich auch so wahrnehme.
Wenn du magst dann lies mal mein Gedicht *Überall*. Es bezieht sich genau auf jenes was du in deiner Antwort beschreibst....nach dem Tode eines nahestehenden Menschen





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Poesie ist der Geist, der in der Seele wohnt,
der vom Herzen genährt wird
und dessen Wein die Zuneigung ist.


*Khalil Gibran*

SvenSp Offline


Beiträge: 95


05.09.2010 00:17
#6 RE: Jede Nacht antworten

Liebe Edeltrud, dein Gedicht habe ich gerade genossen und es war auch ein Genuss. Wundervoll geschrieben. Und es beinhaltet eine wichtige Wahrheit: Das, was uns wirklich ausmacht, vergeht nie und besteht auch weiter fort, auch wenn unsere Hülle nur mehr Staub ist.

Viele liebe Grüße

Sven



"Wir sind längst im Paradies, haben die Hölle draus gemacht."
(ASP - Ich bin ein wahrer Satan)

Edeltrud Offline


Beiträge: 1.264


05.09.2010 13:07
#7 RE: Jede Nacht antworten

Ganz lichen Dank, lieber Sven.
Ich mag deine Schreibweise, die alles beleuchtet, nicht nur die schönen Dinge im Leben, die sich, wie hier, durch einen anderen Blickwinkel verändern können. Aus Wehmut wird Tröstliches, kann Kraft erwachsen, und innerliches Glück.





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der vom Herzen genährt wird
und dessen Wein die Zuneigung ist.


*Khalil Gibran*

SvenSp Offline


Beiträge: 95


05.09.2010 21:58
#8 RE: Jede Nacht antworten

Liebe Edeltrud,

ich habe abermals zu danken für dieses große Lob. Im Kommentieren halte ich mich immer ein wenig im Hintergrund, da bin ich mehr der Leser. Aber ich wollte eben ein Zeichen dalassen :)

Es gab eine Zeit, da hatte ich mich der inneren Düsternis komplett verschrieben. Das tat mir nicht gerade gut, war aber andererseits wohl eine sehr produktive Phase. Mit dem Reifen kam dann die Erkenntnis, dass ich auch schöne Dinge akzeptieren muss, weil sie nun mal auch dazu gehören. So schreibe ich dann, wie es mir gerade in den Sinn kommt. Klar, einige meiner Gedichte sind zuweilen unbequem und sprechen auch politische Themen an oder solche, über die gern geschwiegen wird oder die nicht so gerne gelesen werden.

Zuweilen brauche ich auch selbst einen Ausgleich. Immer kritisch und düster zu sein, das hält ja kein Mensch auf Dauer aus und es wäre wohl auch nicht fördernd.

Tja, der Tod ist ein Thema, mit dem ich mich oft befasst habe und immer wieder befasse. Ich habe sogar eine kleine Sammlung begonnen, in der ich das Thema auf eher humorige Weise angehe. Leben und Tod gehören einfach zusammen, obschon wir alle auf den Tod verzichten könnten, vor allem, wenn er seelische Schmerzen auslöst.
Dennoch ist er vorhanden. Diese Zeilen zu schreiben fiel mir damals nicht leicht, aber ich musste es irgendwie verarbeiten. Auch wollte ich mir selbst damit beweisen, dass Trauer etwas ist, das man zulassen muss, um nicht daran zu ersticken.

An dieser Stelle möchte ich dir auch für die Nachricht danken, die ich noch beantworten werde. Ich habe noch eine andere zu beantworten und musste schon vertrösten, da dieses Wochenende der Wurm drin ist. Eigentlich war ein ruhiges Wochenende geplant, aber ... nun ja, es kam dann doch anders. Aber eine Antwort kommt in den nächsten ein, zwei Tagen.

Viele liebe Grüße

Sven



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